Magen-Darm: der große Patienten-Ratgeber 2

Medizinische Magen-Darm-Studie: Reizdarm

Hilfe durch Glutamin-Supplementation + FODMAP-Diät?

Obwohl das Reizdarmsyndrom wohl einer der häufigsten Gründe ist, weshalb Patienten beim Magen-Darm-Spezialisten vorstellig werden, wissen Experten bis heute nicht, welche Therapie für die Erkrankung die beste ist. Allein die Häufigkeit des Reizdarmsyndroms führt, neben der suboptimalen Behandlung, zu hohen Kosten und einer großen psychosozialen Belastung.

Bisher verstehen Ärzte nicht umfassend, wie die Erkrankung entsteht und welche Mechanismen dahinterstecken. Mögliche Faktoren, die das Risiko für ein Reizdarmsyndrom erhöhen, sind Nahrungsmittelintoleranzen, Veränderungen des Darm-Mikrobioms (die Gesamtheit der Mikroorganismen, die den Darm besiedeln) und eine erhöhte intestinale Permeabilität – also eine erhöhte Durchlässigkeit der Darmschleimhaut.*

Autor: Holger Schöttelndreier // Redakteur mediorbis 

Co-Autoren:
Dr. Miriam Sonnet // Dipl.-Psych. Michaela Asmuß // Mira Ross-Büttgen


Neueste Studien zeigen, dass eine FODMAP-Diät ein Reizdarmsyndrom
lindern kann. FODMAP steht für „fermentable oligosaccharides,
disaccharides, monosaccharides, and polyols“. Auf Deutsch:
Fermentierbare Oligosaccharide, Disaccharide, Monosaccharide und Polyole beziehungsweise einfacher vergärbare Mehrfach-, Zweifach-,
Einfachzucker und mehrwertige Alkohole. FODMAPs sind eine Gruppe von Kohlenhydraten und Zuckeralkoholen, die im Dünndarm nur schlecht resorbiert werden. Sie werden dann im Dickdarm von Bakterien fermentiert.

FODMAP kommen in verschiedenen Lebensmitteln wie Früchten, Gemüse, Cerealien, Honig, Milch bzw. Milchprodukten und
Süßungsmitteln vor. Alle FODMAP sind mögliche Trigger für Beschwerden. Aber nicht alle lösen bei jedem Patienten Symptome aus.*

Im Zuge der FODMAP-Diät werden für einen gewissen Zeitraum bestimmte Lebensmittel weggelassen, die häufig Beschwerden im Darm verursachen. Im Anschluss können sie in kleinen Mengen wieder gegessen werden. So kann der Betroffene prüfen, welche Lebensmittel er gut verträgt und welche nicht.**

Das Problem: Auch Patienten, die
eine FODMAP-Diät befolgen, sind nicht komplett symptomfrei. Es werden also zusätzliche Strategien für die Therapie des Reizdarmsyndroms benötigt, welche die Beschwerden effektiver lindern können.

Glutamin zählt zu den nicht-essenziellen Aminosäuren und wird vom Körper
für eine Vielzahl von Prozessen benötigt. Berichten zufolge liegen der
erhöhten Durchlässigkeit der Darmschleimhaut bei Patienten mit
Reizdarmsyndrom und Durchfall niedrige Glutaminlevel zugrunde. Eine
Glutamin-Supplementation könnte demnach eine intestinale Permeabilität
verringern.

Zudem verändert eine solche Nahrungsergänzung das
Milieu im Darm und reguliert den Aminosäurenstoffwechsel von Bakterien.
Auf diese Weise kann es zu Veränderungen des Mikrobioms kommen.

Kommt es zu einer Schädigung der Darmmucosa, nimmt die Permeabilität (Durchlässigkeit) der Darmschleimhaut für Moleküle unterschiedlicher Größe zu.
Die Darmschleimhaut dient nicht nur der Aufnahme von Nährstoffen, sondern sie bietet auch Schutz gegenüber giftigen und
infektiösen Stoffen. Wird diese Barrierefunktion gestört, so können
vermehrt fettunlösliche Stoffe, Mikrobenbestandteile, unvollständig
gespaltene Nahrungsbestandteile und verschiedene Gifte in den Organismus eindringen.

Die Autoren einer neuen Studie* stellten die Hypothese auf,
dass die Kombination aus einer FODMAP-Diät und einer gleichzeitigen oralen Glutamin-Supplementation die Symptome bei Reizdarm stärker verringern und die Lebensqualität der Betroffenen stärker verbessern kann als eine alleinige FODMAP-Diät.

Die Autoren schlossen Patienten mit Reizdarmsyndrom im Alter zwischen 18 und 70 Jahren und einem Body-Mass-Index zwischen 18,5 kg/m2und 25 kg/m2in ihre Studie ein. Die Teilnehmer wurden in verschiedene Kategorien – je nach vorrangigen Symptomen – eingeteilt: Patienten, …

  • mit vorwiegend Durchfall,
  • mit vorwiegend Verstopfung,
  • die Verstopfung und Durchfall im Wechsel haben,
  • die nicht in diese Kategorien fallen.

50 Patienten entsprachen den Einschlusskriterien. Sie wurden in zwei Gruppen eingeteilt:

  • Teilnehmer der experimentellen Gruppe erhielten eine orale Glutamin-Supplementation (15 g Glutamin pro Tag in drei Portionen) für insgesamt sechs Wochen

  • Personen der Kontrollgruppe erhielten ein Placebo (also ein „Schein-Medikament“, bestehend in diesem Fall aus 15 g Whey-Protein pro Tag in drei Portionen) für insgesamt sechs Wochen


Glutamin- und Whey-Pulver sahen gleich aus, sodass die Patienten nicht erkennen konnten, welcher Gruppe sie angehörten. Auch die Ärzte wussten dies nicht – die Pulver wurden von einer dritten Person durch „A“ oder „B“ beschriftet.

Alle Teilnehmer wurden angewiesen, eine FODMAP-Diät zu befolgen und zusätzlich das jeweilige Supplement zu nehmen. Die Ernährungspläne wurden von einem Ernährungsberater überwacht. Alle Diäten enthielten weniger als 5 g FODMAP pro Tag.

25 Patienten wurden der Glutamin-Gruppe und 25 Personen der Kontrollgruppe zugeordnet. Ein Teilnehmer aus der Glutamin-Gruppe wurde von der Studie ausgeschlossen, nachdem er das Studienprotokoll abgebrochen hatte. Zwei weitere wurden wegen anderer Gründe ausgeschlossen. Daher bestanden die beiden Gruppen am Ende aus jeweils 22 Teilnehmern.

Primärer Endpunkt, also das Hauptziel der Studie, war die signifikante Verringerung von Reizdarm-Symptomen entsprechend dem IBS symptom severity score (IBS-SSS). Dieser besteht aus mehreren Komponenten. Die Teilnehmer müssen verschiedene Symptome bewerten wie:

  • Bauchschmerzen
    Anzahl der Tage mit Bauchschmerzen
  • Aufgeblähtheit
    Zufriedenheit mit der Darmfunktion / Stuhlgang
    -Reizdarmsyndrom-bezogene Lebensqualität

Eine Verringerung um 15 % im IBS-SSS wird von Experten als bedeutsam erachtet.****
Sekundäre Endpunkte umfassten veränderte Reizdarm-Symptome, Lebensqualität sowie Stuhlkonsistenz und -frequenz.

Ernährung:Zwischen den beiden Gruppen gab es keine wesentlichen Unterschiede in der Ernährungs-Zusammensetzung und alle Teilnehmer hielten sich an ihre Diät.
Symptome:Eine Verbesserung der Schwere des Reizdarm-Syndroms um mehr als 45 % wurde bei 88 % der Patienten der Glutamin-Gruppe und bei 60 % der Betroffenen aus der Kontrollgruppe beobachtet. Die Scores des IBS-SSS verbesserten sich in beiden Gruppen signifikant, d. h. in deutlicher Weise.
Eine Glutamin-Supplementation verbesserte die Werte für die …

  • Schwere des Reizdarmsyndroms,
  • Unzufriedenheit mit der Darmfunktion und
  • Beeinflussung des alltäglichen Lebens durch die Erkrankung in größerem Ausmaß als ein Placebo.


Zu Nebenwirkungen kam es in keiner der beiden Gruppen.

Lebensqualität: Die Lebensqualität unterschied sich nicht signifikant zwischen den beiden Gruppen. Der Score für die Lebensqualität erhöhte sich sowohl bei Patienten mit Glutamin-Supplementation als auch bei denjenigen, die ein Placebo erhalten hatten.

Die Ergebnisse der vorliegenden Studie deuten darauf hin, dass eine Glutamin-Supplementation zusätzlich zu einer FODMAP-Diät die Symptome eines Reizdarm-Syndroms verbessern kann, schlussfolgern die Autoren. Gleichzeitig wurden die Vorteile der FODMAP-Diät in der Behandlung des Reizdarm-Syndroms bestätigt.

Die schützende und therapeutische Rolle von Glutamin wurde bereits in anderen Studien zu Magen-Darm-Erkrankungen untersucht. Laut der Autoren ist dies aber die erste Studie, in der die Wirksamkeit einer Glutamin-Supplementation zu einer FODMAP-Diät bei Reizdarmsyndrom-Patienten geprüft wurde.

Eine Limitation der Studie: Die Teilnehmer wurden nach Studienende nicht weiter nachverfolgt.

*Rastgoo S et al. Glutamine Supplementation Enhances the Effects of a Low FODMAP Diet in Irritable Bowel Syndrome Management. Front Nutr. 2021 Dec 16;8:746703. doi: 10.3389/fnut.2021.746703.

**Bellini M et al. Low FODMAP Diet: Evidence, Doubts, and Hopes. Nutrients. 2020 Jan 4;12(1):148. doi: 10.3390/nu12010148.

***https://aok-erleben.de/artikel/essen-bei-reizdarm-die-low-fodmap-diaet (letzter Zugriff am 20.1.2022)

****Lyra A et al. Irritable bowel syndrome symptom severity improves equally with probiotic and placebo. World J Gastroenterol. 2016 Dec 28;22(48):10631-10642. doi: 10.3748/wjg.v22.i48.10631.

Glutenunverträglichkeit

(Zöliakie) und Glutensensivität des Magen-Darm-Trakts

Die Zöliakie gilt als „Chamäleon der Medizin“, eine Krankheit mit vielen Gesichtern:

– Durchfall
– Gewichtsverlust
– fettige Stühle
– Bauchschmerzen
– Hautveränderungen (Dermatitis herpetiformis Duhring)
– Aphten im Mund
– Schilddrüsenunterfunktion (Hashimoto-Thyreoiditis)
– Blutarmut
– rheumatische Erkrankungen
– Knochenschwund (Osteoporose)
– Knochenerweichung (Osteomalazie)
– Unfruchtbarkeit
– Müdigkeit
– Gelenkschmerzen

Gluten ist ein in vielen Getreidesorten (unter anderem Weizen, Dinkel, Roggen, Gerste, Einkorn, Emmer, Grünkern, Kamut, Triticale) vorhandenes Klebereiweiß. Beim Backen hat es nützliche Eigenschaften. Wird das Gluten nicht vollständig im Magen und oberen Dünndarm verdaut, nisten sich unverdaute Glutenbruchstücke, sogenannte Glutenpeptide in der Schleimhaut des Dünndarms ein. In der Folge entzündet sich die Schleimhaut. Eine genetische Prädisposition erhöht das Erkrankungsrisiko um das Dreifache.

Eine Glutenintoleranz kann sich schon bei Säuglingen bemerkbar machen. Oft wird sie aber auch erst im Erwachsenenalter, meistens zwischen dem 20. und dem 60. Lebensjahr, symptomatisch.

Die einzige Möglichkeit, eine Zöliakie zu behandeln, ist ein konsequenter Verzicht auf glutenhaltige Nahrungsmittel.

Fruktoseintoleranz des Magen-Darm-Trakts (Fruktose-Malabsorption)

Die häufigsten Beschwerden, die bei einer Fruktosemalabsorption auftreten, sind Blähungen und Durchfall. Beides ist belastend, aber nicht gefährlich. Anders die erbliche Fruktoseintoleranz: Bei ihr kann der Verzehr von Fruktose neben Übelkeit und Erbrechen, auch zu neurologischen Ausfällen, Schweißausbrüchen und Krampfanfällen führen. Langfristig können auch die Leber und die Nieren geschädigt werden.

Fruktose muss vom Verdauungstrakt nicht zerlegt werden, sondern kann direkt über die Dünndarmschleimhaut ins Blut aufgenommen werden. Dorthin muss sie allerdings transportiert werden – und das ist das Problem. Die für den Transport zuständigen Membranproteine, Glukosetransporter 5 oder GLUT 5, sind defekt. Deswegen kann nicht der ganze Fruchtzucker aufgenommen werden und gelangt in den Dickdarm, wo er von Bakterien unter anderem zu Methan, Wasserstoff und Kohlendioxid vergoren wird. Sorbit blockiert GLUT-5, deswegen ist in der Regel auch ein Verzicht auf Zuckeralkohole angezeigt.

Bei Fruktosemalabsorption liegt ein Defekt in diesem Transporter vor. Dadurch ist die Aufnahme von Fruchtzucker aus dem Darm eingeschränkt. Von einer gestörten Aufnahmefähigkeit sprechen Mediziner, wenn weniger als 25 Gramm Fruchtzucker in einer Mahlzeit verarbeitet werden können.

Bei einer akuten Magen-Darm-Entzündung kann diese Störung temporär auftreten. Sie kann aber auch angeboren sein oder als Komorbidität, also Begleiterkrankung von zum Beispiel Morbus Crohn symptomatisch werden.

„Die Fruktose-Malabsorption ist nur unangenehm, nicht gefährlich“, sagt Professor Dr. Joachim Labenz, Direktor der Inneren Medizin am Diakonie Klinikum Jung-Stilling in Siegen. Es gibt nur eine Behandlungsoption: Entweder ganz auf Fruchtzucker verzichten oder eine Fruktose-Diät beginnen.

Liegt nur eine Fruktose-Malabsorption vor, rät der Experte von Radikalkuren ab: „Manche sagen, man sollte erst mal für 14 Tage gar keine Fruktose zu sich nehmen, aber das halte ich für falsch, weil der Körper dann die Produktion des Transporters gänzlich einstellt.“ Labenz empfiehlt stattdessen, über einen Zeitraum zwei bis vier Wochen weniger als zehn Gramm Fruktose pro Tag zu sich zu nehmen.

Achtung: Auch wenn der Name es anders vermuten lässt, Fruchtzucker findet sich nicht nur in Obst, sondern auch in Gemüse, Bier und Süßigkeiten.

Laktoseintoleranz des Magen-Darm-Trakts (Milchzucker-Unverträglichkeit)

Die Reaktion nach einer unverdaubar großen Portion Laktose lässt meistens nicht lange auf sich warten:

  • Blähbauch
  • Völlegefühl
  • Flatulenzen
  • Bauchschmerzen
  • Übelkeit
  • Darmgeräusche
  • Durchfall

Das Fehlen des Enzyms Lactase kann von der Genetik abhängen (und heißt dann neonataler Lactasemangel), ist aber auch ein Entwicklungsprozess. Wird ein Baby abgestillt, drosselt der Körper die Lactase-Produktion oder stellt sie im Laufe der Jahre ganz ein. Die Mehrheit der erwachsenen Afrikaner und Asiaten ist laktoseintolerant. In Nordeuropa gibt es relativ wenige Betroffene.

Wird der Lactasemangel im Laufe des Lebens dagegen erlernt, spricht man von einem sekundären Laktosemangel. Mögliche Verursacher eines erworbenen Laktosemangels:

  • Glutenunverträglichkeit (Zöliakie)
  • Morbus Crohn und andere chronisch-entzündlich verlaufende Darmerkrankungen
  • Magen-Darm-Infektion
  • Nahrungsmittelallergien
  • operative Eingriffe

Babys mit angeborenem Lactasemangel reagieren schon wenige Tage nach dem ersten Stillen mit anhaltendem Durchfall und dürfen dann nicht weiter gestillt werden. Einzige Therapie-Option: lebenslanger Verzicht auf Milchzucker.

Kann Laktose dagegen nur vermindert gespalten werden, hilft unter Umständen auch eine laktosearme Ernährung. Stehen eine unverzichtbare französische Käseplatte oder ein einladendes Sahnetorten-Büfett auf dem Programm, kann ein Lactase-Präparat Beschwerden vorbeugen. Die sekundäre Laktoseintoleranz ist dagegen heilbar – vorausgesetzt die ihr zugrunde liegende Erkrankung wird erfolgreich therapiert.

Innovativ oder bewährt:

Therapien für den Verdauungstrakt

Der etwa zwei Millionen Euro teure Operationsroboter Da Vinci war vielleicht die öffentlich spektakulärste Innovation in der Therapie von Erkrankungen des Verdauungstrakts in den vergangenen Jahren. Die einzige war sie nicht. Andere bahnbrechende Präzisionsgeräte sind unter anderem:

  • CyberKnife – ein Roboter, der kleinstvolumige Punkte im Körper bestrahlen kann
  • NanoKnife – ein Nervenstrukturen schonendes Ablations-Verfahren, bei dem mittels irreversibler Elektroporation (IRE) mit Stromstößen kranke Gewebestrukturen zerstört werden